DSAG-Einordnung: SAP beteiligt sich an Health-Tech-Unternehmen Avelios Medical
SAP erweitert Ökosystem und will damit selbst geschaffene IS-H-Lücke schließen
Die im Jahr 2022 verkündete Entscheidung von SAP, keine IS-H-Nachfolgelösung für S/4HANA zu liefern, hat die DSAG bereits mehrfach kritisiert, denn: Kliniken müssen auf Krankenhausinformationssysteme (KIS) von Drittanbietern ausweichen und zentrale Funktionen wie die Patientenverwaltung extern abbilden. Ein solcher Drittanbieter ist auch Avelios Medical. Nun hat SAP angekündigt, sich an dem Unternehmen zu beteiligen. Was das konkret bedeutet, ordnet der DSAG-Arbeitskreis Healthcare ein.

Bereits bei den DSAG-Infotagen Healthcare im November 2025 wurde deutlich: Die Branche ist in Bewegung, es gibt ein breites Spektrum an Ansätzen von Nachfolgelösungen für die durch die IS-H-Abkündigung entstandenen Lücken in den Einrichtungen, die weiterhin eng an SAP-basierte Abrechnungsprozesse angebunden sind. Viele der Produkte befinden sich im Entwicklungs- oder Einführungsstadium. Auch Avelios Medical hat mit „Avelios KIS“ eine Lösung im Angebot.
SAP-Partnerschaft mit Avelios Medical wird zur SAP-Beteiligung
Erst im September 2025 hatte SAP angekündigt, eine Partnerschaft mit Avelios Medical einzugehen, einem KIS-Anbieter, der sich mit cloud-nativen Nachfolge- und Integrationslösungen für klassische Krankenhaus-IT – insbesondere SAP-geprägte Systeme wie IS-H – positioniert. SAP hatte damals kommuniziert, gemeinsam eine integrierte Plattform für klinische und betriebswirtschaftliche Prozesse im Gesundheitswesen aufbauen zu wollen. Wie es in einer erst kürzlich veröffentlichten SAP-Pressemitteilung heißt, wird aus dieser Partnerschaft nun auch eine SAP-Beteiligung. Dementsprechend tritt SAP hier künftig als Unternehmensinvestor auf. Die Avelios-Lösung soll im souveränen Teil der SAP Business Technology Platform (SAP BTP) laufen. Ziel laut SAP ist es, eine volle Integration der Business Suite zu erreichen – und zwar KI-orientiert.
„Die im September angekündigte Partnerschaft mit Avelios Medical passte zur SAP-Strategie, sich konsequent aus der klinischen Kernfunktion (IS-H) zurückzuziehen und auf Partnerlösungen zu setzen. Die jetzige Beteilung am Unternehmen selbst, sendet nun ein neues Signal“, sagt Hermann-Josef Haag, DSAG-Fachvorstand Personalwesen & Public Sector, und ergänzt: „Fakt ist weiterhin: Es wird kein echtes SAP-eigenes Healthcare-Produkt mehr geben, die Systemlandschaften fragmentieren und die Komplexität wächst. SAP versucht dieser Fragmentierung mit der Abbildung der Lösung auf der BTP entgegenzuwirken. Der Wettbewerb am KIS-Markt wurde 2022 eröffnet und durch die SAP-Beteiligung ist jetzt zu hoffen, dass Avelios Medicals Lösung nah an eine integrierte SAP-End-to-End-Lösung heranreicht.“ Die Erwartungshaltung gegenüber der Beteiligung ist entsprechend hoch, da die Auswahl offensichtlich im Einklang mit der Cloud-Strategie von SAP steht.
Detailfragen noch zu klären
Aus DSAG-Sicht ist die angekündigte Beteiligung daher zwar interessant, allerdings auch noch skeptisch zu betrachten. „Leistungsfähigkeit, Reifegrad und Zukunftssicherheit der Lösung stehen unter besonderer Beobachtung durch Klinik-CIOs und IT-Entscheider:innen. Es wird sich erst zeigen müssen, ob die durch den SAP-Rückzug entstandene Lücke von Avelios Medical und SAP gemeinsam glaubwürdig geschlossen werden kann”, sagt Haag. Zudem müsse allen Beteiligten bewusst sein, dass in den Kliniken und Krankenhäusern kein flächendeckender Cloud-only-Ansatz verfolgt werde. Stattdessen dominieren hybride Szenarien, die stärker den tatsächlichen Anforderungen und Rahmenbedingungen in den Häusern entsprechen.
Fragenzeichen hinsichtlich Integration und Migration
Grundsätzlich herrschen hier nach der Ankündigung weiterhin Fragezeichen bezogen auf: Wie gut integriert sich das Avelios-Angebot in bestehende SAP-Landschaften? Müssen vorhandene Erweiterungen neu entwickelt werden? Wie hoch ist der Migrationsaufwand von IS-H/i.s.h.med? „Der SAP-Strategiewechsel war ein herber Schlag für die Branche und die Krankenhäuser und Kliniken haben sich trotz hoher Belastung und knapper Ressourcen nach Alternativen umgesehen. Wenn SAP nun einzelne Partner stärker positioniert z. B. durch Beteiligungen, verändert das die Situation am Markt grundlegend”, sagt Michael Pfeil, DSAG-Arbeitskreissprecher Healthcare. Aus DSAG-Sicht muss sichergestellt sein, dass die Integration von Avelios auf der BTP nicht zum Nachteil anderer Partner wird – insbesondere bezogen auf die Nutzung und Integraton von Künstlicher Intelligenz (KI).
Aus DSAG-Sicht ist entscheidend, dass keine bevorzugte Behandlung einzelner Partner entsteht. Zahlreiche Anbieter haben die entstandene KIS-Lücke bereits geschlossen oder entwickeln aktiv Nachfolgelösungen. Einigen Anbietern hatte SAP auch das Coding freigegeben, was aus Anwendersicht durchaus positiv zu bewerten ist. Eine einseitige Positionierung eines „Premiumpartners“ durch SAP könnte den Wettbewerb im Healthcare-IT-Markt verzerren und bestehende Lösungsansätze im Krankenhausumfeld benachteiligen. Daher gilt es nun aus DSAG-Sicht sicherzustellen, dass die Beteiligung an Avelios Medical kein neues Ökosystem-Monopol schafft. „Bleiben offene Schnittstellen gewährleistet? Können alternative Abrechnungslösungen angebunden werden? Eingeschränkte Wahlmöglichkeit und fehlende Interoperabilität sind im KIS-Markt große Risiken“, so Pfeil. Gleichzeitig fehlt zum aktuellen Zeitpunkt eine langfristige strategische Zusage von SAP im Healthcare-Sektor.
Ankündigung beeinflusst strategische Entscheidungen in Krankenhäusern
„Einerseits ist zu begrüßen, dass SAP die Kliniken also nicht komplett allein lässt, sondern ein Partner-Ökosystem aufbaut“, sagt Pfeil. Andererseits muss jedoch auch hinterfragt werden, wie glaubwürdig strategische Bewegungen von SAP sind, wenn eine Lösung abgekündigt wurde und gleichzeitig ein junges Unternehmen mit bestehenden Investoren in den Fokus rückt. SAP muss erst beweisen, dass dies ein tragfähiger und sinnvoller Schritt ist. „Als DSAG-Arbeitskreis Healthcare erwarten wir, dass SAP alle Hersteller unterstützt”, so Pfeil.
Strategische Relevanz für Krankenhäuser im Zuge der S/4HANA-Transformation
Für die Häuser stellt sich jetzt aus DSAG-Sicht unmittelbar die Frage nach den Auswirkungen auf die eigene IT-Strategie, KIS-Strategie und digitale Transformation. „Ein erneuter Entscheidungsstopp wäre kritisch, da viele Einrichtungen bereits im Rückstand sind: Nachfolgelösungen für IS-H standen vergleichsweise spät zur Verfügung, während die S/4HANA-Transformation durch die strategischen Entscheidungen von SAP zusätzlich verzögert wurde”, ordnet Haag ein. Die aktuelle Marktsituation birgt die Gefahr, dass Krankenhäuser erneut in eine Warteposition verfallen und strategische Entscheidungen weiter aufschieben. Diese Verzögerung würde wertvolle Zeit im ohnehin engen Transformationszeitfenster kosten und die Umsetzung von KIS-Nachfolgelösungen sowie SAP-Transformationsprojekten zusätzlich erschweren. Vor diesem Hintergrund ist aus DSAG-Sicht eindeutig, dass Krankenhäuser und Kliniken jetzt aktiv ihre Zielarchitektur, Transformations-Roadmap und Nachfolgelösung für IS-H definieren und umsetzen sollten.
Notwendiger Baustein in der SAP-Partnerstrategie
Wie lautet also das DSAG-Fazit zur SAP-Beteiligung an Avelios Medical? Aus DSAG-Sicht ist Avelios weniger „Innovation“, sondern primär ein notwendiger Baustein in einer durch die IS-H-Abkündigung erzwungenen Partnerstrategie von SAP. „Partnerschaften mit KIS-Anbietern sind notwendig, aber lösen nur einen Teil des Problems der IS-H-Abkündigung. Was es in diesem konkreten Fall für die Realität in den Häusern bedeutet, dass SAP sich hier nun am Lösungsanbieter beteiligt, muss sich erst noch zeigen“, so Pfeil. Fakt sei: Der Druck auf die Kliniken bleibe hoch durch die gleichzeitig notwendige Transformation zu SAP S/4HANA und den KIS-Wechsel. Investitionsankündigungen allein reichen aus DSAG-Sicht nicht aus. Für den Markt sind konkrete Kundenprojekte, produktive Einsätze und nachvollziehbare Referenzen notwendig, um die tatsächliche Leistungsfähigkeit von Lösungen im SAP-Healthcare-Umfeld zu belegen.
Die Stellschrauben, an denen SAP jetzt drehen muss, sind aus DSAG-Sicht daher eindeutig. Es braucht weiterhin Unterstützung für Kliniken und Krankenhäuser bei der Strategiefindung hinsichtlich der Nachfolgelösung für IS-H sowie bei der Transformation zu einer umfassenden SAP-Healthcare-Architektur, die das gesamte SAP-Portfolio berücksichtigt und bei der Etablierung eines Kooperationsmodells mit relevanten Partnern. Und gleichzeitig sollte SAP die drohende Extended Maintenance für IS-H-Kunden kompensieren. Sie darf nicht zu Lasten der Einrichtungen gehen, um den existierenden großen zeitlichen Druck nicht noch zusätzlich durch wirtschaftliche Faktoren zu erhöhen.
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